
Ist eine Wurzelbehandlung sinnvoll? Pro und Contra aus Sicht einer biologisch arbeitenden Zahnärztin
Ich bin vor einigen Wochen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit starken Kieferschmerzen aufgewacht. Der zahnärztliche Notdienst erklärt mir, das es zwei Möglichkeiten gäbe, um die extremen Schmerzen zu stoppen: Eine Wurzelbehandlung (= Entfernung des entzündeten Nervs aus dem Zahninneren + Reinigung und Versiegelung der Wurzelkanäle) oder das Ziehen des Zahns. Ich war absolut überfordert und fühlte mich nach einer schlaflosen Nacht und zahlreichen Schmerzmitteln nicht in der Lage, eine durchdachte, langfristige Entscheidung zu treffen. Ich entschied mich für die Wurzelbehandlung, um den akuten Schmerz zu stoppen und Zeit für eine ausführliche Recherche zu gewinnen. Ich hatte nämlich schon öfter gelesen, dass eine Wurzelbehandlung möglicherweise nicht die beste Lösung ist und aus der Sicht von biologisch arbeitenden Zahnärzten mittel- bzw. langfristig zahlreiche Probleme mitsich bringen kann.
Im Rahmen meiner Recherche habe ich Dr. Anne Karl in einem Interview genau die Fragen gestellt, die mich selbst in diesem Moment beschäftigt haben. Dr. med. dent. Anne Karl ist Zahnärztin mit Spezialisierung auf integrative biologische Zahnmedizin und Regulationsmedizin. In ihrer Kölner Privatpraxis verbindet sie moderne zahnmedizinische Verfahren mit Erkenntnissen aus Psychoneuroimmunologie, Epigenetik und Körpertherapie. Mit ihrem Engagement steht Dr. Karl für eine neue Form der Zahnheilkunde, die Individualität und Ursachenforschung in den Mittelpunkt stellt. Dieses Wissen teilt sie nicht nur in ihrer Praxis, sondern auch über die Dr. Karl Academy mit interdisziplinären Online-Fortbildungen für Fachkollegen sowie auf Social Media, wo ihr über 90.000 Menschen folgen und in ihrem in ihrem Podcast.

Zur Transparenz: Dieses Interview ist keine Kooperation, sondern entstand aus meinem persönlichen Interesse am Thema Wurzelbehandlung bzw. an ganzheitlicher Medizin. Einige Aussagen von Dr. Anne Karl stimmen nicht mit dem schulmedizinischen Konsens überein. Das stört mich nicht, denn ich bin der Meinung, dass Wissenschaft bedeutet, Wissen immer wieder zu hinterfragen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Hierfür benötigt man Denkanstöße. Am Ende steht es jedem Leser frei, gezielt tiefer zu recherchieren, Studien und Erfahrungsberichte zu lesen und sich mit einem Arzt des Vertrauens über dieses Thema auszutauschen, um sich eine differenzierte eigene Meinung zu bilden. Mein persönliches Fazit findet ihr am Ende des Beitrags.
Frage #1: Warum siehst du als biologisch arbeitende Zahnärztin Wurzelbehandlungen kritisch?
Wurzelbehandelte Zähne sind biologisch betrachtet tote Strukturen, die in einem lebenden System verbleiben. Das ist der zentrale Punkt. Ein vitaler Zahn hat eine Pulpa (= das Innenleben des Zahns mit Nerven, Blutgefäßen und Lymphbahnen), ein eigenes Immunsystem und damit die Fähigkeit, sich zu wehren. Nach einer Wurzelbehandlung fehlt all das. Die Hauptkanäle werden gefüllt, aber das Dentin (= die Zahnsubstanz unter dem Zahnschmelz) enthält pro Quadratmillimeter etwa 30.000 winzige Kanälchen, in denen sich anaerobe Bakterien (= Bakterien, die ohne Sauerstoff überleben) einnisten und genau dort optimale Bedingungen finden, wo das Immunsystem nicht mehr hinkommt.
Diese Bakterien produzieren schwefelhaltige Stoffwechselprodukte wie Mercaptane und Thioether, die in geringen Konzentrationen extrem zelltoxisch wirken und in ihrer Wirkung auf Mitochondrien und Enzymsysteme durchaus mit Schwermetallverbindungen vergleichbar sind. Über den Trigeminus (= der größte sensorische Hirnnern), der die Zähne mit dem zentralen Nervensystem verbindet, wirken diese Reize zusätzlich als neuromodulative Trigger (= Dauersignal ans Nervensystem) und halten den Sympathikus (= den Teil des Nervensystems, der den Körper in Alarmbereitschaft versetzt) in einem Zustand subtiler Daueraktivierung.

Aus ganzheitlicher Sicht ist ein wurzelbehandelter Zahn damit nicht nur ein lokales, sondern ein systemisches Thema. Er bleibt zwar erhalten, kostet den Körper aber Energie und kann je nach je nach Verfassung und Stärke des Immunsystems ein erheblicher Mitspieler in chronischen Erkrankungen sein. Genau deshalb sehe ich Wurzelbehandlungen kritisch und entscheide jede Empfehlung sehr individuell.
Frage #2: Gibt es Fälle, in denen du Wurzelbehandlungen für vertretbar hältst? Oder konkrete Fälle, in denen du dringend davon abraten würdest?
Es gibt durchaus Situationen, in denen eine Wurzelbehandlung vertretbar sein kann. Ist jedoch sehr individuell zu beurteilen. Das gilt vor allem bei jüngeren, immungesunden Menschen, und bei einer akuten Situation, in der die Erhaltung eines Zahnes funktionell und ästhetisch sehr viel Sinn ergibt der zudem erst mal als Schmerzbehandlung zu werten ist. Dauerhaft kann hier dann individuell entschieden werden. Deutlich davon abraten würde ich dagegen bei mehreren Konstellationen:
- Zum einen bei chronisch Kranken, insbesondere mit Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, MS, Rheuma, Lupus oder Psoriasis arthritis. Ihr Immunsystem befindet sich bereits in einer Daueraktivierung, jeder zusätzliche stille Reiz aus einem toten Zahn kann das Geschehen verstärken oder erhalten.
- Ebenso bei Patienten mit aktiver oder anamnestischer Krebserkrankung, bei nachgewiesener Schwermetallbelastung, bei stark belastetem Bindegewebe oder bei unklaren chronischen Beschwerden, deren Ursache noch nicht gefunden ist.
- Auch bei mehrwurzeligen Backenzähnen bin ich sehr zurückhaltend. Hier lässt sich das Wurzelkanalsystem selbst mit den besten technischen Mitteln nie vollständig erreichen, weil neben den Hauptkanälen seitliche Verzweigungen und sogenannte akzessorische Kanäle (= Nebenkanäle im Wurzelsystem) existieren, die anatomisch nicht zugänglich sind.
Mein Grundsatz lautet: Je belasteter das System, desto kritischer ist jede zusätzliche stille Quelle. Wer schon einen Rucksack voller chronischer Themen trägt, sollte sich nicht freiwillig einen weiteren stillen Mitspieler dazustellen.
Frage #3: Wie lautet deine Empfehlung, wenn Patienten in deine Praxis kommen, die bereits wurzelbehandelte Zähne haben, die derzeit keine Beschwerden machen?
Hier rate ich grundsätzlich zur Überprüfung, aber nicht immer zum pauschalen Ziehen. Ein wurzelbehandelter Zahn ohne aktuelle Beschwerden ist nicht automatisch ein gesunder Zahn. Beschwerdefreiheit am Zahn selbst sagt wenig über seine systemische Wirkung. Genau deshalb empfehle ich eine differenzierte Diagnostik.
Dazu gehört für mich zunächst eine zwei oder auch dreidimensionale Röntgenaufnahme (DVT), weil herkömmliche zweidimensionale Bilder Entzündungen im Bereich der Wurzelspitze oft nicht zuverlässig darstellen. Ergänzend dazu eine immunologische Untersuchung bspw. Blutwerte. Eine ausführliche klinische Untersuchung und Funktionsdiagnostik ergänzt das Bild.
Erst aus dieser Gesamtschau ergibt sich, ob der Zahn weiter beobachtet werden kann, ob eine Sanierung möglich ist oder ob eine Entscheidung zur Entfernung sinnvoll wird. Wichtig ist mir die individuelle Bewertung: Ein Mensch mit stabiler Gesundheit kann einen wurzelbehandelten Zahn unter Umständen gut tolerieren. Ein Mensch in einer immunologisch belasteten Phase – Autoimmun, Krebs, chronische Erschöpfung – braucht eine viel sensiblere Beurteilung.
Klinik schlägt Labor, sagt man in der Medizin. Bei Wurzelbehandlungen heißt das: Das einzelne Messergebnis ist immer nur ein Mosaikstein. Die ganze Geschichte erzählt sich erst, wenn Anamnese, körperliche Verfassung, immunologische Marker und bildgebende Diagnostik zusammengeführt werden.
Frage #4: Welche Beschwerden an anderen Körperstellen könnten deiner Erfahrung nach mit einem wurzelbehandelten Zahn zusammenhängen?
Die Verbindung zwischen einem Zahn und dem restlichen Körper läuft auf mehreren Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen und in der ganzheitlichen Bewertung zusammengeführt werden müssen:
- Die erste Ebene ist neurobiologisch. Der Trigeminus, der größte sensorische Hirnnerv, ist die direkte Brücke zwischen Zähnen, Kiefer und dem zentralen Nervensystem. Über seine Schaltstellen im Hirnstamm steht er in unmittelbarer Verbindung mit dem Vagus (= der wichtigste Beruhigungsnerv des Körpers), dem vegetativen Nervensystem und damit auch mit dem enterischen Nervensystem des Darms. Ein Reiz im Mund – ein toter Zahn, eine stille Entzündung, eine mechanische Überlastung – wird über diese Bahn direkt an das gesamte Regulationssystem weitergegeben. So entstehen Verbindungen zu Darmbeschwerden, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Migräne oder einer subtilen Daueranspannung, ohne dass der Zahn selbst Schmerzen verursachen muss.
- Die zweite Ebene ist energetisch. Hier arbeitet die biologische Zahnmedizin mit den Funktionskreisen, die ihre Wurzeln in der Traditionellen Chinesischen Medizin haben. Jeder Zahn steht über Meridiane in Verbindung mit bestimmten Organen, Gelenken und Lebensthemen. Im Wesentlichen sieht das so aus: Die oberen und unteren Schneidezähne stehen mit Niere und Blase in Verbindung. Die Eckzähne mit der Leber- und Gallenblasenachse. Die Prämolaren (= die kleinen Backenzähne) sind dem Lungen-Dickdarm-Funktionskreis zugeordnet. Die oberen Molaren (= die großen Backenzähne) stehen mit Magen, Milz und Pankreas in Beziehung, im Querbezug auch mit der Schilddrüse. Die unteren Molaren mit Herz und Dünndarm.
- Die dritte Ebene ist strukturell und wird in der Schulmedizin am häufigsten übersehen. Mundatmung beispielsweise verändert das gesamte muskuläre Gleichgewicht im Kopf-Hals-Bereich, koppelt sich an die Halswirbelsäule, an die Atemmechanik und kann das gesamte System aus dem Lot bringen. Genauso reagiert der Kiefer auf jede Form von Anspannung im Körper. Stress, der nicht anders verarbeitet wird, sucht sich seinen Ausdruck und findet ihn sehr häufig im Knirschen, Pressen oder einer veränderten Bisslage. Bemerkenswert ist dabei: Die Zähne müssen dafür nicht krank sein. Auch ein zahnmedizinisch komplett gesundes Gebiss kann zur Verarbeitungsstelle systemischer Belastung werden. Über die Funktionsketten – Kiefer, Faszien, Halswirbelsäule, Becken, Hüfte, Knie – entstehen dann Kompensationsschmerzen weit entfernt vom Mund.
In der Praxis sehe ich diese Verbindungen sehr regelmäßig. Eine Patientin mit chronischen Knieschmerzen, bei der über Jahre nichts gefunden wurde, hatte eine stille Entzündung am wurzelbehandelten Zahn 36 – auf dem Magen-Milz-Pankreas-Funktionskreis, der über die Meridiane mit dem Knie verbunden ist. Eine andere mit jahrelangen Migräneanfällen zeigte einen apikalen Befund (= Entzündung an der Wurzelspitze) am Eckzahn, der zum Gallenblasenmeridian gehört. Hauterkrankungen wie Psoriasis treten häufig in Verbindung mit Belastungen auf dem Lungen-Dickdarm-Funktionskreis auf. Hormonelle Dysbalancen, insbesondere Schilddrüsenprobleme, finde ich sehr oft mit Befunden an den oberen Molaren verknüpft.
Wichtig ist mir aber: Diese Zuordnungen sind ein Hilfsmittel, kein Automatismus. Nicht jedes Knieproblem hat seine Ursache im Mund. Aber wenn klassische Behandlungen nicht greifen und ein Zahn auf dem zugehörigen Funktionskreis auffällig ist oder das gesamte stomatognathe System (= das gesamte Kau- und Beißsystem) überfordert wirkt, lohnt sich der Blick in den Mund. Genau dort liegen oft die übersehenen Verbindungen.
Frage #5: Kannst du in deiner Praxis eindeutig diagnostizieren, ob ein wurzelbehandelter Zahn den Körper tatsächlich belastet?
Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt kein einzelnes Verfahren, das eine systemische Belastung durch einen wurzelbehandelten Zahn mit hundertprozentiger Sicherheit nachweist. Wer das behauptet, vereinfacht. Was wir haben, ist ein Mosaik aus mehreren Bausteinen, die zusammen ein stimmiges Bild ergeben und insbesondere nach der Entfernung werden Symptome und Befinden deutlich besser.
Wir können die Belastungen, die von einem wurzelbehandeltem Zahn ausgehen, oftmals sehr genau zu ordnen, was jedoch alles noch daran hängt, merken die Patienten erst dann, wenn diese Belastung entfernt wurde. Es ist immer multikausal zu sehen. Wurzelbehandelte Zähne können durch die diversen Untersuchungen sehr präzise angezeigt werden oder das Ausmaß sichtbar dargestellt werden, obwohl der zahn keinen Schmerz verursacht.
Hinzu kommt die ausführliche Anamnese: Welche chronischen Beschwerden hat die Patientin, wann sind sie aufgetreten, gibt es einen zeitlichen Zusammenhang mit der Wurzelbehandlung? Das ist oft der aussagekräftigste Baustein überhaupt. Erst aus dieser Zusammenschau entsteht eine differenzierte Bewertung. Ein Patient mit blendenden Laborwerten und schlechtem Allgemeinzustand wird seine Ursache nicht im Labor finden. Ein Patient mit auffälligen Markern und stabiler Gesundheit braucht keine voreilige Entscheidung. Genau diese Differenzierung unterscheidet integrale Zahnmedizin von einer reinen Symptombehandlung.
Frage 6: Was rätst du Patienten, die der Wurzelbehandlung unbedingt eine Chance geben wollen?
Unbedingt eine ganzheitliche Beratung und Kombination der Symptome. Wir können nur die Themen erkennen, wenn wir auch wissen, was wir sehen müssen. Eine rein konservativ ausgerichtete Zahnarztpraxis wird bestimmte Symptomketten möglicherweise nicht kombinieren und das Verständnis zu den Zusammenhängen nicht sehen.
Wenn sich jemand für eine Wurzelbehandlung entscheidet, gilt für mich ganz klar: Wenn schon, dann richtig. Eine Wurzelbehandlung im Rahmen der Kassenleistung ist technisch eine andere Welt als eine moderne, nach den aktuellen Standards durchgeführte Behandlung. Die Erfolgsaussichten unterscheiden sich erheblich. Und genau hier sollte die Antwort auf Frage 1 nochmal gelesen werden. Zudem habe ich in meiner Podcastfolge Smile of your soul In Folge #16 das Thema der Wurzelbehandlung nochmals extra aufbereitet.
Eine moderne Wurzelbehandlung sollte dann beim Spezialisten erfolgen, der zudem biokeramische Sealer, die deutlich verträglicher sind als die früher üblichen Materialien, verwendet und sich besser an das Wurzelgewebe anpassen. Die Kosten liegen hierfür entsprechen hoch und können zwischen 500-1800 € variieren, da ein erheblicher zeitlicher Aufwand nötig ist.
Frage 7: Worauf sollten Patienten aus deiner Sicht achten, wenn sie sich für eine Extraktion + Implantat entscheiden?
Hier kommt es vor allem auf zwei Dinge an: Eine saubere Entfernung des Zahnes und eine gute Begleitung der anschließenden Regeneration.
Bei der Extraktion ist mir wichtig, dass das Zahnfach vollständig sauber zurückbleibt, einschließlich der bindegewebigen Strukturen, die früher die Verbindung zwischen Zahn und Knochen gebildet haben. Wird hier ungenau gearbeitet, können sich später stille Entzündungsherde im Kieferknochen entwickeln, die jahrzehntelang als Trigger für den Gesamtorganismus wirken können.
Zur Unterstützung der Wundheilung setze ich auf A-PRF, ein aus dem eigenen Blut gewonnenes Fibrin, das die körpereigenen Wachstumsfaktoren konzentriert und die Regeneration spürbar verbessert. Begleitend dazu gehört ein durchdachtes Wundheilungsprotokoll mit Maßnahmen, die das Immunsystem stützen und die Geweberegeneration anregen (bspw. Neuraltherapienoder Ozon). Das macht in vielen Fällen den entscheidenden Unterschied.
Wenn die Entscheidung für ein Implantat gefallen ist, empfehle ich grundsätzlich Keramik aus Zirkonoxid statt Titan. Keramik ist bioinert und damit für den Körper kein Fremdkörper im klassischen Sinne. Sie verursacht keine elektrochemischen Reaktionen, keine immunologische Daueraktivierung und integriert sich ruhig ins Gewebe. Genau das ist im integralen Ansatz entscheidend: Wir möchten kein neues Reizthema im Mund schaffen, sondern eine ruhige, gut verträgliche Lösung.
Ob Implantat, Brücke oder bewusst belassene Lücke: das entscheide ich gemeinsam mit der Patientin im Kontext des Gesamtbisses und des Allgemeinzustandes, nicht isoliert.
Frage #8: Ist es aus deiner Sicht sinnvoll, das Immunsystem vor / während bzw. nach der Behandlung gezielt zu unterstützen?
Unbedingt – und zwar idealerweise schon vor dem Eingriff, nicht erst danach. Eine Zahnbehandlung, vor allem eine Extraktion oder eine Wurzelbehandlung, ist immer eine Belastung für das System. Ein gut vorbereitetes Immunsystem regeneriert schneller, sauberer und mit weniger Komplikationen.
Was ich empfehle:
- Vor dem Eingriff eine gezielte Aufsättigung mit Vitamin D (mit vorher gemessenem Spiegel)
- Vitamin C als Basismittel für die Bindegewebsbildung
- Omega-3-Fettsäuren in guter Qualität für die entzündungsregulierende Wirkung
- Magnesium als Co-Faktor für hunderte enzymatische Prozesse
- Zink und Selen für die Immunaktivität sowie ggf.
- Glutamin und ein
- hochwertiges Probiotikum für die Schleimhautstabilität.
Wer die Möglichkeit hat, lässt vorher die wichtigsten Spiegel bestimmen und supplementiert gezielt nach Bedarf, nicht pauschal. Ernährungstechnisch lautet die Devise: Antientzündlich. Konkret bedeutet das viel Gemüse, hochwertige Fette, ausreichend Proteine, wenig Zucker, wenig verarbeitete Kohlenhydrate, kein Alkohol. Auch Rauchen sollte komplett vermieden werden dauerhaft, da Nikotin die Mikrozirkulation in der Mundhöhle erheblich verschlechtert.
Mindestens genauso wichtig ist die Stressreduktion. Wer in einer akut belasteten Phase steht, sollte einen geplanten Eingriff verschieben, wenn es medizinisch vertretbar ist. Cortisol unterdrückt die Wundheilung, der Sympathikus blockiert die Vagusaktivität, das Gewebe ist schlechter durchblutet.
Was ich zu meiden empfehle: Acetylsalicylsäure (ASS) und andere blutverdünnende Substanzen ohne ärztliche Notwendigkeit, exzessive Sauna oder intensiver Sport in den ersten Tagen nach dem Eingriff sowie operative Eingriffe in Phasen tiefer Erschöpfung oder kurz nach Infekten. Der Körper braucht ein Mindestmaß an Energie, um zu regenerieren. Diese Energie sollte vorhanden sein, wenn wir ihn fordern.
Frage #9: Ist der Besuch einer Bio-Zahnarzt-Praxis auch für Kassenpatienten möglich / bezahlbar?
Natürlich können auch Kassenpatienten in eine biologisch arbeitende Praxis kommen: Das ist gar keine Frage. Die ehrliche Antwort muss aber lauten: Die meisten Leistungen der biologischen Zahnmedizin werden von der gesetzlichen Krankenkasse nicht übernommen. Konkret bedeutet das: Bei Zahnersatz gibt es einen Festzuschuss, der ein Stück weit kalkulierbar bleibt. Implantate hingegen sind grundsätzlich Privatleistungen, ebenso die erweiterten Diagnostik- und Begleitleistungen, die in der biologischen Zahnmedizin zum Standard gehören – also DVT, immunologische Marker, Funktionsdiagnostik, hochwertige Materialien, A-PRF, Ozon und vieles mehr. Auch eine private Zahnzusatzversicherung übernimmt diese Leistungen keineswegs zu hundert Prozent. Je nach Tarif und Konstellation bleiben Eigenanteile.
Aus meiner Sicht ist das aber gar nicht der zentrale Punkt. Es ist eine Frage der Priorität, keine Vollkasko-Entscheidung. Die eigene Gesundheit ist nichts, das die Krankenkasse für uns regelt. Sie ist etwas, für das wir selbst Verantwortung übernehmen und das beginnt damit, zu schauen: Was ist mir wichtig? Wo möchte ich investieren? Wofür gebe ich heute Geld aus, das mich morgen entlastet?
Eine biologische Sanierung ist eine Investition in das gesamte System, nicht nur in einen Zahn. Wer diese Entscheidung trifft, sollte sie bewusst treffen, mit klaren Erwartungen an die eigene Verantwortung. Eine gute biologische Praxis wird mit Ihnen ehrlich besprechen, was sinnvoll ist, was Priorität hat und was sich gegebenenfalls in einem Stufenplan über mehrere Jahre umsetzen lässt, ohne zu suggerieren, dass die Kasse das schon zahlen wird.
Frage #10: Wie würdest du konkret entscheiden, wenn du plötzlich extreme Schmerzen an einem Backenzahn mit sonst guter Prognose hättest und sich herausstellen würde, dass der Nerv entzündet ist?
Eine ehrliche und konkrete Antwort: Ich würde mich gegen eine Wurzelbehandlung entscheiden. Auch wenn der Zahn sonst eine gute Prognose hat. Auch wenn der Verlust schmerzhaft wäre. Was ich tun würde, ist ein dreischrittiges Vorgehen: Zunächst würde ich die Akutphase managen. Dies ist meist die Wurzelbehandlung als Schmerzbehandlung. Anschließend kann man dann zielgerichtet planen, wie es weitergeht und ein unterstützendes Konzept erstellen, das zu meiner Situation passt.
Warum diese Entscheidung? Weil ich aus meiner Erfahrung weiß, dass ein toter Zahn nie nur ein lokales Thema bleibt. Selbst wenn er Jahre ruhig ist, kostet er das System Energie. Ich möchte mein eigenes System nicht freiwillig mit einer stillen Mitspielerin belasten, wenn ich die Möglichkeit habe, sauber zu trennen und gut zu rekonstruieren. Das ist meine persönliche Wahl. Sie ist nicht für jeden die richtige. Aber sie ist konsequent und genau das, was ich auch meinen Patientinnen und Patienten als Möglichkeit aufzeige, wenn die Situation es zulässt.
Mein ehrliches Fazit:
Ich bin ein großer Fan davon, gesundheitliche Probleme ganzheitlich zu betrachten. Die Argumente von Dr. Anne Karl klingen für mich nachvollziehbar und ich bin ganz ehrlich: Im Grunde ergibt es wenig Sinn, einen toten Zahn im Mund zu lassen. Wenn meine persönliche Angst vor dem Ziehen von Zähnen keine Rolle spielen würde, ich eine gute Zahnzusatzversicherung ODER ein geschwächtes Immunsystem hätte bzw Implantate aufgrund meines Alters sowieso bald eine Rolle spielen könnten, hätte ich mich definitiv FÜR eine Extraktion + ein Keramik-Implantat entschieden.
Nachdem ich mir mehrere Meinungen zu meinem „Problemzahn“ eingeholt habe, habe ich mich allerdings trotz aller Gegenargumente ERSTMAL für eine gründliche Wurzelbehandlung entschieden. Die Behandlung habe ich bei einem Arzt für biologische Zahnheilkunde nach gründlicher Abwägung meines persönlichen Risikoprofils bzw. meiner individuellen Zahnsituation und unter modernsten Bedingungen durchführen lassen.
Wichtig ist mir, dass der Zahn nun besonders regelmäßig kontrolliert wird (inkl. DVT-Aufnahmen) und dass er bei möglicherweise in Zukunft auftretenden Problemen an anderen Stellen des Körpers bei der Ursachenforschung mit berücksichtigt wird. Die Behandlung war dank der örtlichen Betäubung jedenfalls tatsächlich komplett schmerzfrei und bishlang macht der Zahn keinerlei Probleme. Falls sich das ändert, fliegt der Zahn umgehend raus. Den aktuellen Stand werde ich anschließend an dieser Stelle ergänzen.
Nun hoffe ich, dass euch dieser Beitrag gefallen hat und freue mich wie immer sehr über euer ehrliches Feedback, eure Erfahrungen mit dem Thema „Wurzelbehandlung“, Lob, Kritik und natürlich eure Fragen.
Liebe Grüße,

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